Ein Bürgermeister sucht im Ausland nach Impulsen für gesicherten Brandschutz

– Von Bianca Kahl –

„Stell dir vor, es brennt, und keiner kommt hin.“ Das klingt fast absurd, doch Holger Baumann kann sich dieses Szenario bereits ganz gut vorstellen. Als Ortswehrleiter schlägt er Alarm: „Wir können auf immer weniger Kameraden bauen! Und die Leute, die wir haben, sind tagsüber oft gar nicht verfügbar“, sagt er über die Ortsfeuerwehr Osmünde.
Sein Dienstvorgesetzter Kurt Hambacher, der Bürgermeister der Gemeinde Kabelsketal nahe Halle (Saale), schaut ihn besorgt an. Er weiß um das Problem: Osmünde ist nur eine von sechs Wehren in Kabelsketal und an Nachwuchs fehlt es überall. Auf rund 8800 Einwohner kommen lediglich 138 Kameraden in der Einsatzabteilung. Die Gemeinde steht beispielhaft für viele Regionen in Deutschland: Ehrenamtliche Feuerwehrleute stellen mehr als drei Viertel der Kameraden und betreuen etwa 70 Prozent der Bevölkerung. Doch der demografische Wandel und andere Umstände lassen sie langsam von innen ausbluten.

Immer weniger Kameraden verfügbar

„Im übertragenen Sinne spielen wir mit dem Feuer“, mahnt der engagierte Kurt Hambacher. Doch wie allen anderen Bürgermeistern sind ihm die Hände gebunden. Per Gesetz werden die Kommunen dazu verpflichtet, eine funktionierende Feuerwehr zu unterhalten. „Doch wie wir das genau anstellen sollen, das steht dort nicht“, sagt er. Schließlich könne man niemanden verpflichten, sich aktiv bei der Feuerwehr zu engagieren. Das sage ja bereits der Name: „Freiwillige Feuerwehr“. Im Gegensatz zur Berufsfeuerwehr arbeiten hier fast ausschließlich ehrenamtliche Einsatzkräfte.
Das sind Männer und Frauen wie jeder andere. Die meisten gehen einem Beruf nach, haben Familie und andere Verpflichtungen. Nur Wenige sind da noch bereit, zusätzlich rund um die Uhr in Alarmbereitschaft zu sein und im Fall des Falles alles stehen und liegen zu lassen. Holger Baumann kann sich an eine Szene erinnern, während er sein Haus baute: Er füllte gerade frischen Beton ein, als sein Pager piepte. „Ich musste schnell los zum Einsatz – und meinen Schwager mit dem Beton allein lassen“, erzählt er. „Zum Glück ging zu Hause alles gut und ich musste später nicht wieder alles rausklopfen.“
Es gab schon Einsätze, bei denen die Osmünder 36 Stunden und länger am Unglücksort bleiben mussten. Hinzu kommen Weiterbildungen und andere notwendige Termine. Dass sie abwechselnd Bereitschaft haben, ist bei nur 22 aktiven Kameraden undenkbar. Sie stemmen etwa 200 Einsatzstunden im Jahr und halten sich dafür 365 Tage über 24 Stunden bereit. Sobald der Pager piept, muss sich jeder, der es irgendwie ermöglichen kann, im Gerätehaus einfinden. Das Problem dabei: Trotz entsprechender gesetzlicher Regelung stellen immer weniger Arbeitgeber die Kameraden dafür frei und lassen sie ungestraft gehen.
Zudem sind viele von ihnen Berufspendler und tagsüber gar nicht vor Ort; andere arbeiten im Schichtbetrieb. Auf Holger Baumann trifft beides zu: Hauptamtlich ist er Berufsfeuerwehrmann auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Manchmal muss er die Nachrichten auf seinem Pager aus dem Heimatort Osmünde mit tiefen Sorgenfalten einfach wegdrücken.

Mögliche Lösungsansätze in der Politik?

Wenn der Bürgermeister Kurt Hambacher die Bauchschmerzen, die alle plagen, auf den Punkt bringt, klingt das sehr nüchtern: „Die Tageinsatzbereitschaft ist gefährdet.“ Es brennt nicht nur in den sechs Wehren der Gemeinde Kabelsketal – in ganz Deutschland hat die Freiwillige Feuerwehr mit diesem Problem zu kämpfen.
Doch wie kann er als Verantwortlicher diesem Dilemma begegnen? Wie kann er mehr Nachwuchs für diese dringend notwendige ehrenamtliche Arbeit gewinnen? Oder krankt gar das ganze System der Freiwilligen Feuerwehren und mögliche Lösungsansätze finden sich nur in der Politik? Kurt Hambacher will diesen Fragen auf den Grund gehen und hatte die Idee, sich anzuschauen, wie Feuerwehr in anderen europäischen Ländern funktioniert.
Seit Jahren schaut er gemeinsam mit der wisamar Bildungsgesellschaft gGmbH aus Leipzig über den internationalen Tellerrand, um für die verschiedensten Bereiche frische Ideen nach Hause zu holen. Seien es die Qualifikation von Erzieherinnen, die Angebote der Bibliothek oder andere kommunale Belange. Von seinem neuesten Coup könnten Gemeinden in ganz Deutschland und auch im Ausland profitieren: Für das Projekt „Firefighting Volunteering for all“, also „Freiwillige Feuerwehr für alle“, fand Hambacher Partner in Dänemark, Kroatien, Estland, und Bulgarien. Die EU Service-Agentur vermittelte darüber hinaus noch einen wichtigen Partner aus Ungarn.
Die Feuerwehren in diesen Ländern sind ganz unterschiedlich organisiert. Bei mehreren Treffen tauschen sich die Partner unter anderem darüber aus, wie sie Mitglieder gewinnen und halten, wie die rechtlichen Rahmenbedingungen aussehen und wie Feuerwehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der Auftakt zum Projekt fand bereits im November 2017 in Kabelsketal statt, einschließlich eines Besuches bei der Ortswehr Osmünde. Über die eigene Homepage http://www.firevall.eu/ und das Schlagwort #firevallproject kann sich jeder im Internet über den aktuellen Stand der Gespräche informieren und sich auch selbst an der öffentlichen Debatte beteiligen.

ERASMUS+ ermöglicht internationalen Austausch

Der internationale Austausch über erfolgversprechende Strategien wird über das europäische Förderprogramm ERASMUS+ ermöglicht. Es entlastet alle Projektpartner hinsichtlich ihrer Reise- und Aufenthaltskosten im Ausland und stellt zudem einen finanziellen Ausgleich für den Organisationsaufwand. Interessenten aus Sachsen-Anhalt unterstützt die EU Service-Agentur der Investitionsbank. Auch dem Bürgermeister Kurt Hambacher stand sie bei der Antragstellung zur Seite. Am Ende der Firevall-Treffen im Sommer 2019 hofft der Bürgermeister Kurt Hambacher, stichhaltige Fakten und gute Argumente an der Hand zu haben, um konstruktive Vorschläge an den Gesetzgeber zu richten.
„Diese essentielle Aufgabe des Brandschutzes können Kommunen nicht allein bewältigen. Zumindest nicht unter den aktuellen Vorgaben“, ist er sich seiner Sache sicher. Dabei denkt er nicht nur an die teure technische Grundausstattung für die Wehren. Auch bei den möglichen Anreizen für die Kameraden hat der Bürgermeister nicht viel Spielraum. Er dürfe den Ehrenamtlichen lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen, die nicht mal erwähnenswert sei, nennt er als Beispiel. Von einer reizvollen Ehrenpension für das Rentenalter oder anderen Prämien können die Osmünder Feuerwehrleute nur träumen.
„Wir haben alle einen Helferkomplex“, begründet der Ortswehrleiter Holger Baumann scherzhaft, warum er sich überhaupt engagiert. „Anderen helfen und das auch noch unentgeltlich – das ist für die meisten eben undenkbar“, fügt er an. Doch, Hand aufs Herz, hat man nicht auch Spaß unter den Kameraden und das gute Gefühl des Zusammenhaltes? Für Baumann stellt sich die Frage jedenfalls gar nicht, jemals auszutreten: Schon sein Großvater war Ortswehrleiter und der 56-Jährige lief seit seinem sechsten Lebensjahr mit ihm mit. Für ihn ist Feuerwehr sein Leben, Ehrensache und auch eine Art Familienbetrieb. 22 Leute zählen die Osmünder jedenfalls nur in der Mannschaft, weil jüngst auch ein paar Ehefrauen eingetreten sind.

http://www.firevall.eu/

Rückenwind für öffentliche Debatten

Das europäische Förderprogramm ERASMUS+ regt Kommunen, öffentliche Einrichtungen und Vereine wie auch Privatpersonen dazu an, den Blick ins Ausland zu richten. Kathrin Hamel von der zuständigen „EU Service-Agentur“ in der Investitionsbank Sachsen-Anhalt spricht über die Möglichkeiten.

Frau Hamel, wozu in die Ferne schweifen?
Kathrin Hamel: Es geht darum, gegenseitig voneinander zu lernen. Nur, wenn wir die Lebens- und Arbeitsweise in den anderen europäischen Staaten kennen lernen und persönliche Kontakte knüpfen, wächst Europa weiter zusammen. Zudem kann es nie schaden, sich anzuschauen, wie andere mit einem Problem umgehen, mit dem auch ich selbst konfrontiert bin.

Was nützt das, wenn man an den äußeren Umständen ohnehin nichts ändern kann?
Kathrin Hamel: Die Gemeinde Kabelsketal macht es schon richtig: Anregungen und erfolgreiche Strategien aus dem Ausland können dabei helfen, Ideen und Argumente für seine Anliegen vor Ort zu sammeln. Im Zweifelsfall hat man dann mehr Gewicht, wenn man zum Beispiel dem Stadtrat, dem Landrat oder anderen Entscheidungsträgern gegenübertritt.

Wie läuft ein typisches Projekt über ERASMUS+ ab?
Kathrin Hamel: Gefördert werden europäische Kooperationen rund um allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport. Zum Beispiel betreuen wir dieses Jahr den internationalen Austausch zu Themen wie Inklusion oder Digitalisierung an Schulen. Wer beispielsweise Interesse an der Organisation eines Schüleraustauschs oder einer Lehrerfortbildung hat, der kann sich gern an die „EU Service-Agentur“ wenden. So stehen wir jederzeit beratend zur Seite und helfen bei der genaueren inhaltlichen Konzipierung. Wir vermitteln auch Partner im Ausland. Auf unserer Webseite gibt es eine eigene Plattform mit Partnergesuchen.

www.eu-serviceagentur.de

Kathrin Hamel von der EU-Service-Agentur der Investitionsbank Sachsen-Anhalt berät Interessenten über das Förderprogramm ERASMUS+. (Foto: Rayk Weber)
„Wir spielen mit dem Feuer“

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